Praktikum bei Ipsylon

Praktikum bei Ipsylon

Der tragische Flugzeugabsturz der Germanwings-Maschine- verursacht durch den Co-Piloten, der aufgrund seiner psychischen Erkrankung den Freitod wählte und dabei 150 Personen unschuldig mit in den Tod riss – machen derzeit Schlagzeilen in jeder Presse.
Solche Tragödien lassen u.a. Diskussionsrunden aufkeimen, in denen über psychische Erkrankungen diskutiert wird und wie man Erkrankte behandelt etc. Häufig kommt es zu Stigmatisierung und Vorurteilen.

Was bewegt ausgerechnet junge Menschen mit psychisch Kranken zu arbeiten?
Jessica, Alyssa und Björn absolvieren ein Praktikum beim Verein Ipsylon in Brilon und berichten von ihrer Arbeit.

Es ist Donnerstagmorgen und Jessica wird schon von einigen Ipsylon- BesucherInnen vor dem alten Fachwerkhaus am Scharfenberger Hof 6 begrüßt und erwartet. Jeden Morgen von Montag-Freitag wird ab 8Uhr die Tür für die TeilnehmerInnen der“ Morgenrunde“ geöffnet. Gemeinsam wird Kaffee gekocht und Zeitung gelesen. Die meisten TeilnehmerInnen dieser Runde sind nicht berufstätig, da sie entweder Rentner sind oder wegen ihrer psychischen Erkrankung keiner beruflichen Tätigkeit nachgehen können. Die Morgenrunde gibt den BesucherInnen einen Grund morgens aufzustehen. Sie bietet ihnen eine Art Tagesstruktur und Kontakte zu Betroffenen, die Verständnis füreinander haben.
Um 8.30Uhr beginnt Alyssa ihren Praktikumstag und wird freudig von der Mischlingshündin Lucy begrüßt. Auch Vierbeiner dürfen zu den offenen Angeboten mitgebracht werden.
Gemeinsam starten Alyssa und Jessica die Gruppe „Genial Backen – Kuchen und Brot für Anfänger“. In der Regel kreieren 4-5 TeilnehmerInnen Kuchen für die „offene Tür“ am Nachmittag und Brot für den Frühstückstreff am Freitag. Rezeptvorschläge kommen von den TeilnehmerInnen selbst. Alyssa und Jessica leiten die TeilnehmerInnen gekonnt an.
8.45Uhr kommt Björn mit dem Bus aus Olsberg an. Die BesucherInnen freuen sich, ihn nach einer Woche wieder zu sehen. Björn ist 21 Jahre alt und absolviert im Rahmen seiner Ausbildung zum Sozialassistenten am Berufskolleg in Olsberg ein halbjähriges Praktikum. Donnerstags und freitags ist er bei IPSYLON im Einsatz, den Rest der Woche verbringt er in der Schule.
In der Zwischenzeit backt der Kuchen im Ofen und es ist Zeit für einen gemeinsamen Austausch. Unterschiedliche Themen werden besprochen. Von Politik über Sport bis hin zu den eigenen Befindlichkeiten aber auch das Interesse an den Praktikanten lässt selbst nach Wochen nicht nach. Hier stellen sich die PraktikantInnen den Fragen der BesucherInnen wie z.B. wie ihre beruflichen Zukunftspläne aussehen, wie weit der Führerschein fortgeschritten ist, was sie am Wochenende unternehmen oder wie es in der Schule läuft. Andererseits sind auch die BesucherInnen sehr offen und beantworten persönliche Fragen hinsichtlich ihrer Erkrankung oder ihrer aktuellen Lebenssituation. Die PraktikantInnen lernen dadurch die unterschiedlichsten psychischen Krankheitsbilder und deren Auswirkungen kennen.
Warum heute noch so viele Menschen die psychischen Erkrankungen tabuisieren obwohl „Burn Out & Co.“ jeden treffen kann, ist für sie alle nicht nachvollziehbar. Häufig werden sie gefragt, WARUM sie ausgerechnet mit psychisch Kranken zusammenarbeiten. Jessica antwortet darauf, dass ihr Kindern zu laut sind und die Arbeit mit erwachsenen Menschen interessanter für sie ist. Sie hatte bereits ihr soziales Projekt von der Marienschule bei Ipsylon absolviert und sich dann entschieden, das Vorjahrespraktikum für die Fachhochschulreife beim Verein zu absolvieren. Von montags bis Donnerstagmittag ist die 17jährige bei Ipsylon im Einsatz und dann geht’s mit dem Bus nach Bestwig. Dort besucht sie die Fachoberschule für Sozial-und Gesundheitswesen im Bergkloster.
Zwei Jahre danach möchte sie ihr vollständiges Abitur erreicht haben und anschließend Psychologie studieren.
Alyssa hingegen hat sich bewusst für ein freiwilliges soziales Praktikum nach dem Abitur entschieden. Sie ist 20 Jahre alt und möchte nach dem Praktikum studieren. Ipsylon lernte sie bei ihrem 3-wöchigen Betriebspraktikum im 9.Schuljahr der Marienschule kennen. Seit Januar 2015 ist sie im Einsatz und hat sich sehr gut eingearbeitet. Mit Jessica nimmt sie gemeinsam an den Gruppenangeboten teil und leitet mit ihr gemeinsam die Kreativgruppe. Jeden Dienstag von 15: 30 bis 17:00 Uhr treffen sich ca. 10 TeilnehmerInnen zum Basteln, Musizieren und Klönen. Da Alyssa täglich mit ihrem eigenen Auto vorgefahren kommt, kann sie einige Aufgaben des ambulant betreuten Wohnens übernehmen. Sie begleitet Betreute, die außerhalb wohnen zum Arzt oder organisiert größere Einkäufe mit ihnen. Wenn sie eingeladen werden fährt sie gemeinsam mit Jessica zu Klienten zum Hausbesuch.
Die Ipsylon-BesucherInnen empfinden die Drei als eine große Bereicherung. Nicht immer haben die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen die Zeit sich dazuzusetzen und mit der vom HSK finanzierten 0,5 Stelle der Kontakt-und Beratungsstelle könnte das aktuelle Angebot, was die PraktikantInnen ergänzen nicht anbieten.
Dass es einen männlichen Praktikanten gibt, ist sehr erfreulich und so haben die Männer im Sinne der Gleichberechtigung direkt den Wunsch nach einem Männerstammtisch geäußert. Schließlich gibt es ja auch einen Frauengesprächskreis im Programm. Den Stammtisch leitet Björn seit März jeden Donnerstag von 16.15.-18.00Uhr. Hier werden Gesellschaftsspiele gespielt und gekocht. Minigolf, Grillen und Wandern stehen bei den Männern ganz oben auf der“ To-do-Liste“. Auch Björn betreut eine Person mit psychischer Erkrankung im Rahmen des ambulant betreuten Wohnens. Er gibt Unterstützung bei Einkäufen macht Hausbesuche wo die gemeinsame Zeit für Männergespräche genutzt wird oder auch mal kurz die neusten Computerspiele ausprobiert werden. Wenn er die Ausbildung zum Sozialassistenten nächstes Jahr beendet hat, möchte er eine Ausbildung zum Heilerzieher anhängen.
Jessica, Alyssa und Björn sind froh, dass sie selbständig und eigenverantwortlich Gruppen leiten dürfen, das ihnen Vertrauen vom Vorstand und Team sowie der nötige Respekt der BesucherInnen entgegengebracht wird. Man begegnet sich auf Augenhöhe.
Es gibt auch belastende Momente in der Arbeit mit psychisch kranken Menschen schließlich bringt jeder seine eigene „Geschichte“ mit, die man erstmal „verdauen“ muss. Hier reicht nicht der Austausch unter den PraktikantInnen aus. Regelmäßige Gespräche mit der Praxisanleiterin und Team-sowie Dienstbesprechungen gehören dazu. Kurz vor Feierabend wird der Tag reflektiert, damit die „Arbeit“ nicht mit nach Hause genommen wird.

Mit diesem Bericht möchten sie psychische Erkrankungen ein Stück weit enttabuisieren und viele Menschen mit und ohne psychische Behinderung erreichen. Weiterhin wollen sie SchülerInnen, die sich noch nicht für einen Praktikumsplatz entscheiden konnten Mut machen, sich in die Arbeit mit psychisch kranken Menschen zu stürzen.

Betroffene, Angehörige oder Interessierte sind herzlich willkommen.

Unter 02961/52864 oder Scharfenberger Hof 6 in Brilon kann persönlich Kontakt aufgenommen werden.
Es besteht auch die Möglichkeit der Kontaktaufnahme über www.ipsylon-brilon.de